Deine Beweglichkeit beim Greifen

Heute geht es um den wichtigsten Punkt, der die Beweglichkeit Deiner Finger beeinflusst.

Fängst Du manchmal auch so zum Üben an?

Du nimmst dein Instrument in die Hand. Du streichst ein paar Töne darauf. Vielleicht probierst Du auch das Stück aus, das Du gerade übst. Dabei fühlen sich die Finger Deiner Greifhand irgendwie steif an. Deine Beweglichkeit will nicht so richtig in Fahrt kommen. Auch mit dem Treffen der richtigen Tonhöhe hast Du Deine liebe Mühe.

Du kennst das ganz bestimmt.

Nach einer Weile wird die Sache etwas runder. Die Finger fühlen sich eventuell etwas weicher an, etwas beweglicher. Und das ist gut so.

Trotzdem bleibt diese mangelnde Beweglichkeit etwas, was Du immer wieder überwinden musst.

Wir sollten uns eine grundsätzliche Sache beim Greifen einmal genau zu betrachten.

Wie greifen wir?

Was wollen wir denn alles erreichen, wenn wir einen Ton mit dem Finger auf einer Saite abgreifen?

Wir wollen zunächst einmal erreichen, dass der Ton gut klingen kann. Dazu ist es nötig, dass die Saite mit einem ganz bestimmten Gewicht gegriffen wird. Bestimmt hast Du es schon einmal erlebt, dass die Saite nicht richtig anzustreichen ist, wenn der Finger nicht wirklich satt auf der Saite steht. Der Ton klingt dann irgendwie dumpf und entfaltet keinen Klang.

Ok, aber weiter:

Wir wollen den Finger so auf die Satie stellen, dass er blitzschnell in seiner Tonhöhe korrigiert werden kann, wenn er einmal den Ton nicht hundertprozentig trifft. Dazu muss er sich trotz aller Kraft, mit der er auf der Satie steht, beweglich bleiben.
Außerdem wollen wir mit dem Vibrato den Ton ins Schwingen bringen. Beim Vibrato rollt der Finger leicht auf der Saite auf und ab, was die Tonhöhe in rhythmischer Form mal höher und mal tiefer klingen lässt. Logisch, dass hierzu auch wieder größtmögliche Beweglichkeit des Fingers nötig ist.

Und schließlich wollen wir auch schnell und gewandt spielen. Unsere Finger sollen sich in Leichtigkeit blitzschnell abheben und wieder aufstellen können. (eventuell an einem anderen Punkt oder einer anderen Saite)

 

Wie geht Beweglichkeit beim Greifen?

Aber widerspricht sich das Ganze denn nicht?

Ich soll Kraft aufwänden und gleichzeitig beweglich bleiben? Wenn ich Kraft ausübe, dann spannen sich doch meine Muskeln an. Und wenn Muskeln angespannt sind, dann wird doch etwas steif dabei. Gelenke versteifen sich. Muskeln fühlen sich hart an. Wo bleibt da die Beweglichkeit?

Scheinbar ist das wirklich ein Widerspruch.

Oder vielleicht doch nicht?

Muskeln fühlen sich nur dann hart an, wenn sie unter starker Spannung stehen. Zum Beispiel, wenn Du mit Deinem Zeigefinger stark gegen den Daumen drückst, dann fühlen sich die Muskeln der beteiligten Finger hart an. Probier es doch einmal aus!

Merkst du es?

Merkst Du auch, wie sich alle Deine Fingergelenke versteifen?

Das Grundgelenk, das mittlere Fingergelenk, das vordere Fingergelenk, sie alle befinden sich in Hochspannung.

Und jetzt spüre einmal in Deine Greifhand hinein, wenn Du greifst. Spürst Du etwas ähnliches?

Wenn nicht: freue Dich, Du hast kein Problem beim Greifen.

Wenn aber doch:

Willkommen im Club!

Du machst es, wie fast jeder Mensch, wenn er zum Instrument greift. Du greifst, wie es eben ein Mensch normalerweise tut. Du hältst etwas fest. Du hältst Dein Instrument fest, Du drückst die Finger fest auf die Saite. Und Du drückst mit dem Daumen dagegen. Das ist der natürliche Greifreflex.

Aber er führt nicht zur Beweglichkeit. Nein, dadurch, dass Du mit dem Daumen gegen die Finger drückst, bleibt die Spannung immer in den Fingern erhalten. Und damit ist die Beweglichkeit blockiert.

Lass uns einen anderen Versuch machen.

Probieren wir es ohne Daumen. Es geht um die Federwirkung unserer Finger.

Übung 1

Stelle Deine Hand auf Deine Finger. Achte darauf, dass die beiden vorderen Gelenke Deiner Finger leicht gekrümmt auf einer Tischplatte stehen. Außerdem sind in der Ausgangsphase der Übung die Grundgelenke Deiner Finger gestreckt. Deine Grundgelenke dienen als Federung, die das Gewicht des Armes auf Deinen Fingern abfedert.

Hand mit gestreckten Grundgelenken

Jetzt wende etwas Kraft auf, um mit Deinen Fingern die Hand in die Höhe zu drücken. Du spürst die Spannung in den Fingern?

Sehr gut! Spüre auch die Spannung, die im Grundgelenk steckt. Immerhin will sich ja die Hand durch die Fingerkraft in der Luft halten. Versuche bitte nicht, die Hand mit der Kraft Deines Armes in die Luft zu heben. Die Finger sollen das Gewicht stemmen.

Hand mit gebeugten Grundgelenken

Und jetzt lässt Du los und Deine Hand fällt wieder in das federnde Grundgelenk hinein.

Spürst Du, wie es jetzt viel weniger Kraft kostet, mit den Fingern die Hand zu tragen?

Jawohl: Die Hand lastet immer noch auf Deinen Fingern. Aber es geht um vieles leichter, wenn die Grundgelenke die Gewichtskraft der Hand abfedern.

Versuche diese Übung auch mit jeweils einem Finger. Du wirst feststellen, dass das mit den beiden mittleren Fingern relativ leicht klappt, allerdings mit dem 1. und dem 4. Finger gar nicht so einfach ist. Mach es trotzdem! Deine Finger brauchen Training.

Am Anfang ist es bestimmt so, dass Du Dich dabei nicht sonderlich wohl fühlst. Das federnde Tragen des Armgewichts im Grundgelenk ist nicht unbedingt etwas, was Deiner alltäglichen Gewohnheit entspricht. Deine Hand fühlt sich dabei nicht sonderlich stabil an. Ein Grund mehr, es zu trainieren. Mach es bitte oft – so oft, dass es für Dich selbstverständlich wird.

Wenn wir jetzt im zweiten Schritt die Übung am Instrument anwenden, musst Du bitte beherzigen, dass diese Beweglichkeit im Grundgelenk immer nur dann gegeben ist, wenn Du keinen Kraftschluss mit dem Daumen hast. Sobald der Daumen auf der anderen Saite des Halses gegen die Finger drückt, ist alles vorbei.

Du musst lernen, den Greifreflex des Daumens bewusst auszuschalten und den Daumen nur dafür zu benutzen, für das er auf dem Instrument gebraucht wird. Bei der Geige und Bratsche ist dies eine leichte Haltefunktion. Der Daumen hilft hier, das Instrument auf Spielhöhe zu halten. Beim Cello brauchst Du den Daumen in den unteren Halslagen im Grunde nur zur Orientierung für Deine Finger. Nur beim Kontrabass kommst Du ohne einen leichten Gegendruck mit dem Daumen nicht aus. Der Bass bietet den Fingern nicht diese Gegenstütze wie beispielsweise das Cello, das am Brustkorb angelegt ist.

Übung 2

Um jetzt das Federn beim Greifen zu üben, bringst Du zunächst Deine Hand in Spielhaltung. Am besten stellst Du Deinen 1. Finger in der ersten Lage auf eine Saite. Jetzt hebst Du den 2. Finger und dabei kontrollierst Du noch einmal, ob der Daumen wirklich nicht gegen den 1. Finger drückt.

Der nächste Schritt ist der Entscheidende: Du klopfst mit dem 2. Finger auf die Saite. Ob Du dabei jetzt einen entsprechenden Ton sauber triffst, ist zunächst unerheblich. Und beim Klopfen soll jetzt genau das eintreten, was Du in der vorherigen Übung langsam trainiert hast.

Deine Fingergelenke krümmen sich. Der Finger landet auf dem vorderen Teil seiner Fingerkuppe. Aber das Grundgelenk gibt in der anderen Richtung nach.

Beim Cello kann man aufgrund des Winkels, in dem der Arm zum Instrument steht, richtig sehen, wie das Grundgelenk das Gewicht abfedert. Bei der Geige ist es eher ein Nachgeben das die Hand beim Greifen geschmeidig sein lässt. Und auch beim Kontrabass entlastet diese Bewegung die ganze Hand und lässt sie nicht steif werden bei der dort doch recht kraftvollen Aktion des Greifens.

Hast Du die Übung verstanden? Sehr gut!

Üben!

Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass Du 20 – 30 Anläufe brauchst, bis die Beweglichkeit im Grundgelenk zum ersten mal funktioniert. Lass dich davon bitte nicht beeindrucken. Weißt Du wie oft Du geübt hast, mit dem Daumen beim Greifen gegen die Finger zu drücken?

Ich glaube, Du willst es lieber nicht wissen.

Du brauchst also Geduld. Eine alte Gewohnheit die dermaßen über Jahre eingeübt ist, lässt sich nicht ohne weiteres von heute auf morgen auflösen.

Mache bitte diese Übung mit jedem Deiner Finger. Und glaub mir: mit dem kleinen Finger wirst Du bei dieser Übung am meisten zu tun haben. Er ist der dünnste, der schwächste der Finger.

Aber auch für ihn gilt: Deine Geduld lohnt sich!

Und nun wünsche ich dir viel Erfolg mit Deinen Übungen und ich bin gespannt, was Du demnächst hier unterhalb des Textes im Kommentarfeld über Deine Fortschritte zu berichten hast. Wie wirkt sich die Übung auf Deine Intonation aus? Was macht dein Vibrato? Und wie funktionieren jetzt Lagenwechsel und schnelle Fingerbewegungen?

gutes Gelingen!

Felix Seiffert

8 Kommentare

  1. Lieber Felix,

    vor zweieinhalb Monaten habe ich angefangen, Geige zu lernen und bin vor Kurzem auf Deinen Blog gestoßen. Man merkt, wie sehr Dir das Musizieren (und das Vermitteln der zugehörigen Kenntnisse) am Herzen liegt. In Deinen Videos und Blogbeiträgen erklärst Du die Themen wunderbar und detaillert. Vielen Dank dafür!

    • Felix Seiffert

      Liebe Ann,

      vielen Dank für das Lob. Ja, es ist schon so, das ist eine Herzensangelegenheit, hier gerade in den Anfängen Klarheit zu schaffen und Mut zu machen.

      herzliche Grüße

      Felix

  2. Hannelore Bauszus

    Danke,deine Artikel kommen wirklich immer zur richtigen Zeit ,ich spiele jetzt seit 2,5 Jahren Geige ,bin von Null angefangen ,Noten und Instrument ,dein Newsletter war und ist, immer sehr hilfreich .Ich bin jetzt 64 ,5Jahre alt und fuehle mich wunderbar mit meiner Geige ,ich habe eine Geigenlehrerin,doch sie ist oft auf Konzertreisen ,da greife ich immer auf deine Artikel zurueck ,deine Workshops sind leider zu weit entfernt,ich spuehre auch die Sehnsucht ,mit anderen Anfaengern ,gemeinsam zu spielen ,ich danke dir und wuensche dir eine schoene Weihnachtszeit ,ich freue mich schon auf deinen naechsten Newsletter
    Hanne

    • Felix Seiffert

      Liebe Hannelore,

      vielen Dank für diese netten und aufbauenden Worte. Dir wünsche ich ebenfalls frohe Weihnachten. So erfüllt sich doch in gewisser Weise der Sinn dieses Blogs.

      herzliche Grüße

      Felix

  3. Manchmal ist es echt unheimlich.
    Immer wenn ich Probleme habe kommt die Lösung, wenigspäter, in der News Letter.

    Vielen Dank 🙂

    • Felix Seiffert

      Aber gerne,

      vielleicht kann es sein, dass die Dinge, die hier beschrieben sind, einfach so allgemeiner Natur sind das sie wirklich jeden Spieler betreffen. Immerhin versuche ich ja Dinge zu beschrieben, die wirklich jeden Tag im Unterricht auftauchen.

      herzliche Grüße

      Felix

  4. Wow, ein wirklich toller Artikel zur passenden Zeit!
    Ich habe im Mai angefangen Cello zu lernen (mit 24 Jahren) und hatte in den letzten Wochen immer stärker das Gefühl, dass die Beweglichkeit und Flexibilität beim Greifen nicht richtig gegeben ist. Vor allem schnelle Tonfolgen, die jetzt häufiger vorkommen werden dadurch unmöglich.
    Die Übungen werde ich mir auf jeden Fall zu Herzen nehmen.
    Vielen Dank für diesen und die vielen anderen sehr guten Beiträge!
    Herzliche Grüße
    Jasmin

    • Felix Seiffert

      Liebe Jasmin,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann Dir versichern, dass das, was ich in dem Artikel versucht habe zu formulieren tatsächlich die Grundursache ist für bewegliches Greifen ist. Ich selbst habe viele Jahre damit zu tun gehabt, dass ich nicht mit meiner Geläufigkeit zufrieden war. Aber es lief immer wieder auf diese drei Punkte hinaus. Beende das Gegengreifen mit dem Daumen. Stelle Deine Finger steil auf das Griffbrett, sodass die Hand auf dem Griffbrett „steht“. Und hebe Die Finger und federe sie beim Aufklopfen im Grundgelenk ab. Das ist es im Grunde.

      ich wünsch Dir viel Erfolg weiterhin am Cello

      Felix

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