Der weite Griff am Cello – bitte nur so!

oder – warum der weite Griff Deinen Daumen auf einmal zum wichtigsten Finger der Hand macht

Kennst Du die Situation?

Ich kenn sie als Schüler, genauso wie als Lehrer.

Ich (Schüler) habe mit etwas Schwierigkeiten. Ich übe an einer Sache, und übe und übe, und es wird nicht zufriedenstellend.

Der Lehrer gibt mir Anweisungen. Ich befolge sie, aber sie fruchten nicht. (Irgend etwas mache ich immer noch verkehrt).

In jeder Unterrichtsstunde wird der Lehrer nervöser. (Will der Kerl nicht, oder kann er es nicht kapieren?)

Dann kommt irgendwann der Moment der Wahrheit. Der Lehrer sagt es wieder einmal auf eine andere Weise. (zum Glück hat er ein gewisses Repertoire an Möglichkeiten, die Sache zu erklären)

Auf einmal ist es ganz einfach. Der Knoten ist geplatzt! (Warum hat er das nicht gleich gesagt?)

So oder so ähnlich habe ich es schon dutzende Male erlebt (als Lehrer), wenn das Thema der der weite Griff auf dem Cello ist.

Was hab ich mir schon den Mund fusselig geredet mit diesem Thema.

Irgendwann nach 3, 4 Wochen, manchmal erst nach Monaten (leider ganz selten auch nach Jahren) kam dann das große „Aha“ Erlebnis: es war ja dann so einfach.

Der weite Griff – worum es geht

Dir ist bestimmt bewusst, dass Du auf dem Cello mit den 4. Fingern in der normalen engen 1. Lage bestimmte Töne nicht greifen kannst.

Nehmen wir die D-Saite. Mit Deinen vier Fingern greifst Du das e, das f, das fis und das g.

In der Tonspanne zwischen der leeren D- und der A-Saite hast Du damit allerdings noch nicht alle Halbtöne gegriffen. Es fehlen Dir noch zwei Töne.

Der eine Ton liegt zwischen dem Platz des 1. Fingers und der leeren Saite. Es ist der Ton dis oder es. Dieser Ton kann zwei verschiedene Namen haben. Näheres dazu findest Du in diesem Artikel.

Diesen Ton erreichst Du, indem Du den 1. Finger ausstreckst. Dies ist der weite Griff in der ersten Lage. Darüber hast Du an anderer Stelle schon erfahren. Der 1. Finger begibt sich auf diesen Ton, während alle anderen Finger auf ihrem Platz bleiben. Dies erfordert einiges an Training. Die Spannfähigkeit der Finger muss trainiert werden, außerdem dürfen sich die Finger 2 , 3 und 4 auf keinen Fall von ihrem Platz fort bewegen. Das geht nicht von selbst. Das will trainiert sein.

Aber im Grunde ist dies nicht unser Hauptthema. Es geht um etwas anderes.

Diesmal geht es um den anderen fehlenden Ton

Dieser Ton liegt zwischen dem, den der 4. Finger normalerweise greift, und der nächsthöheren leeren Saite.

Auf der D-Saite gegriffen wäre dies der Ton gis oder as.

Was meinst Du wohl, wie man den greift?

Jetzt kommt etwas äußerst Wichtiges:

Man greift diesen Ton dadurch, dass man die ganze Hand um einen Halbton nach oben versetzt.

Der 1. Finger steht zwar in weiter Stellung, aber auf dem Ton e. Der 2. Finger greift das fis (zuerst stand da der 3. Finger). Der Dritte Finger greift das g, das vorher der Platz des 4. Fingers war. Und der 4. Finger kann nun das gis greifen. Dies ist der weite Griff in der erhöhten ersten Lage.

Willst Du den Spruch noch einmal lesen?

Man greift den Ton, der über dem normalen Platz des 4. Fingers liegt, dadurch, dass man die ganze Hand um einen Halbton nach oben versetzt.

Muss ich diesen Satz noch ein weiteres Mal schreiben, oder meißelst Du ihn in jetzt gleich in Dein Gehirn ein?

Wenn Du versuchst, das Verrutschen der ganzen Hand zu umgehen, und nur den 4. Finger auszustrecken, wirst Du niemals ein sauberes gis greifen!

Bitte glaube mir!

Und jetzt wird es wieder psychologisch:

Glaubst Du, ein einziger Schüler wäre dazu von sich aus bereit?

Die Hand versetzen?

Das würde übrigens auch bedeuten, dass man mit dem Daumen den einmal sicher erlernten Platz verlassen muss.

Glaubst Du, irgend jemand macht das freiwillig?

Ich habe bisher noch keinen Schüler erlebt, bei dem das so war. Keinen Einzigen!

Ich selbst hab es auch nicht getan, am Anfang.

Und Du tust es auch nicht freiwillig, dessen sei versichert!

Du musst das trainieren!

Sieh Dir bitte einmal diesen kleinen Film zum Thema an:

Kleines Trainingsprogramm gefällig?

Stufe 1

Du trainierst das Gefühl für die Entfernung, die Dein Arm, Deine ganze Hand mit Fingern und Daumen zur neuen Position rutscht.

Stelle dazu Deine Hand in der ersten Lage auf und spiele den Ton, den der 4. Finger greift. Jetzt versetzt Du Die Hand um einen Halbton. Deine ganze Hand rutscht dazu etwa 1,5 bis 2 cm nach oben. (Nach „oben“ ist hier klanglich zu verstehen, in die Richtung, in der die höheren Töne auf dem Griffbrett liegen)

Jetzt spielst Du den gleichen Ton mit dem 3. Finger. Wenn Dein Rutschen zielgenau war, wirst Du zwischen dem Ton, den vorher der 4. Finger gegriffen hat, und dem jetzt mit dem 3. Finger gegriffenen Ton keinen Unterschied hören.

Mach diese Übung bitte oft. Du musst Dir da wirklich sicher werden. Das Rutschen sollte vollkommen selbstverständlich am richtigen Platz enden.

Stufe 2

Wenn Deine Hand jetzt gelernt hat, an den richtigen Platz zu rutschen, wird es auch nicht schwer sein, das gis auf der D-Saite zu greifen.

Beginne diese Übung so wie die Letzte. Spiele vier mal das g mit dem 4. Finger. Jetzt rutsche wieder um einen Halbton nach oben, lasse aber alle 4 Finger auf dem Griffbrett. Der Ton, der jetzt klingt, ist das gis.

Spiele 4 mal g und 4 mal gis immer im Wechsel.

Stufe 3

Meist kommt in der erhöhten ersten Lage (so heißt die Position, die Du jetzt eingeübt hast) der weite Griff vor.

Mit dieser Übung gewöhnst du Deine Hand an den weiten Griff in der erhöhten ersten Lage.

Bring Deine Hand in die weite Position in der normalen ersten Lage. Jetzt spielst Du die Fingerfolge 4 – 2 – 1 (weit) – 2 – 4. Spiele die Fingerfolge mehrmals. Du spielst dabei auf der D-Saite die Töne g – f – es – f – g.

Jetzt rutscht Du wieder mit Deiner Hand in die erhöhte erste Lage. Dabei behältst Du die weite Stellung des 1. Fingers bei. Der weite Griff bleibt in seiner Form bestehen.

Spiele nun wieder: 4 – 2 – 1 – 2 – 4. Du hast jetzt die Töne gis – fis – e – fis – gis gespielt. Dies ist der weite Griff in der erhöhten 1. Lage.

Stufe 4 (jetzt wird es richtig anspruchsvoll)

Sehr oft ist in der ersten Lage der enge Griff und in der erhöhten ersten Lage der weite Griff verlangt. Du musst eine Verbindung zwischen diesen beiden Positionen schaffen. 

Spiele dazu in der engen ersten Lage die Fingerfolge 1 – 3 – 4 – 1 (das sind die Töne e – fis – g – e)

Bleibe am Schluss auf dem 1. Finger stehen. 

Jetzt bewegst Du Deine Hand in die erhöhte 1. Lage, wobei Dein 1. Finger auf seinem Platz stehen bleibt. Dein 1. Finger streckt sich, er steht nun am gleichen Platz aber in weiter Griffart.

Deine Hand bewegt sich in die hohe Lage, obwohl Deine Finger 2, 3 und 4 nicht auf dem Griffbrett liegen. Sie wandern in der Luft über ihren neuen Platz, weil Dein Daumen hinauf in die neue Position rutscht.

Merkst Du, wie wichtig Dein Daumen bei dieser Angelegenheit ist? Es ist ausschlaggebend dafür, dass Deine Finger die neue Position finden.

Achtung: diese Ansage ist essentiell für Dein Vorankommen auf dem Cello!

Der Daumen zeigt Deinen Fingern, wo es lang geht. Der Daumen begibt sich auf die neue Position und die Finger fallen auf ihre richtigen Töne.

Nun greifst Du 1 – 2 – 4 – 1 (diesmal sind das die Töne e – fis – gis – e)

Natürlich ist dies nur eine von vielen möglichen Fingerfolgen mit denen man diesen Wechsel in die hohe weite Lage üben kann. Deiner Phantasie sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt.

Das Wichtigste habe ich Dir oben erklärt. Du musst deinen Daumen dazu bringen, zwei verschiedene Positionen einzunehmen. Erst dann wird es Dir wirklich möglich sein, in der hohen weiten ersten Lage sauber zu spielen.

Fazit:

Die erste Lage am Cello besteht im Grunde aus zwei verschiedenen Handstellungen. Es gibt die normale Stellung der Hand und die erhöhte Stellung. Sie differieren um einen halben Ton.

Der weite Griff existiert in beiden Positionen. Nur so kannst du alle Halbtöne, die zwischen zwei leeren Saiten liegen, abgreifen.

Trainiere Dein Bewegungsgefühl und wechsle mit dem ganzen Arm, in die jeweils andere Position. Dazu gehören die Hand, die Finger und der Daumen.

Verschiedene Übungen helfen Dir dabei dieses in Deiner Spieltechnik zu etablieren.

Und jetzt bist Du dran:

Sei doch so gut, schreibe einen Kommentar und eröffne hier die Diskussion. Wie siehst Du das mit der erhöhten ersten Lage? Wie geht bei Dir der weite Griff? Was ich hier geschildert habe, sieht für Menschen mit recht großen Händen eventuell ganz anders aus. wie ist es bei Dir?

herzlichst

Felix Seiffert

12 Kommentare

  1. Jürgen Walser

    Lieber Felix!
    Ich lerne autodidaktisch Cello und habe viel Vergnügen daran. Ich bin immer gut voran gekommen – bis zu einem Punkt, an dem plötzlich nichts mehr voran ging. Ich konnte die neuen Stücke in der Celloschule nicht spielen und war wirklich verzweifelt. Zum Glück habe ich diesen Blockeintrag gefunden – und plötzlich gingen die Stücke wie von selbst locker von der Hand.
    Ich danke dir ganz ganz herzlich für deine tolle Arbeit.

    Mit den allerbesten Wünschen

    Jürgen

    • Felix Seiffert

      Herzlichen Dank für das Lob.

      Ja, das ist mir ein wirkliches Anliegen am Cello, dass man diese Sache wirklich versteht. Strecke niemals den 4. Finger nach „oben“, sondern begib Dich immer in die Position, in der 2., 3. und 4. Finger natürlich auf ihre Positionen fallen. Dann wirst Du vieles leichter treffen und viel beweglicher musizieren.

      viel Freude mit Deiner neuen Errungenschaft.

      Felix

  2. Hallo,
    diese Videos sind wirklich toll, ich habe einige Jahre Geigenunterricht gehabt und jetzt versuche ich es alleine auf dem Cello. Das geht wirklich gut, aber ich bin ungeduldig. Und die Videos bringen mich immer wieder auf den Boden. Ich kann suchen, was ich gerade brauche, zum Beispiel eben, wie der kleine Finger das Gis findet und Geduld finde ich dann auch wieder. Vielen Dank – Christiane

    • Felix Seiffert

      Aber bitte gerne,

      genau das ist der Sinn dieses Blogs. Ich wende mich gerne an Leute wie Dich, die einfach selbstständig wissen was sie wollen und selbstständig nach Lösungen suchen.

      Viel Erfolg weiterhin.

      Felix

  3. Meine Lehrerin hat damals immer gezögert und meinte, das sei immer so ein Problem bei ihren Schülern, wir fangen nach der engen ersten lieber erst mal mit der vierten Lage an. Ich hatte dann aber bei der erhöhten ersten Lage überhaupt keine Probleme, der Daumen ging von alleine mit (gottseidank). Was etwas länger dauerte, war die halbe weite Lage. Es dauerte, bis ich mich traute, den Zeigefinger einfach mal flacher aufzusetzen. Naja.

    Heute unterrichte ich selbst und bin heilfroh, dass ich mich noch an so viele meiner eigenen Probleme und der „Aha-Effekte“ erinnern kann (die ich immer an den Anfang zu setzen versuche) – ich habe den Eindruck, dass meine drei Schüler überdurchschnittlich schnell vorankommen.

    Interessant wird es dann immer bei weiter/erhöhter vierter Lage – hier hat dem kleinen Finger schon oft der Tipp, doch den Handrücken aus dem Handgelenk heraus etwas anzuheben, auf die Sprünge geholfen. Auch ich erinnere mich regelmäßig daran, gerade in Des Dur. Wirkt immer Wunder für die Intonation. Ein Lehrer riet mir einst, stets die Handhaltung der ersten Lagen den Hals mit hoch nehmen zu wollen – so klappt die „Umschiffung“ des Korpus und auch der Wechsel in die Daumenlage deutlich einfacher, solange man eben den Handrücken anhebt.

    Zu den großen Händen – und ich habe für eine Frau wirkliche Pranken -: reine Quarten ohne Lagenwechsel greifen zu können, erleichtert gerade im Orchester viel. Lange Finger sind grundsätzlich aber zunächst einmal instabiler und neigen zu abgeknickten ersten Gliedern. Wenn man darauf konsequent achtet, sind große Hände allerdings wirklich ein Segen! Auf dem Cello zumindest. Bei meinen Bratschenversuchen wusste ich immer gar nicht, wo hin mit dem Rest.

    • Felix Seiffert

      Hallo Muriel,

      das kann ich auch bestätigen. Es macht oft Sinn, vor der erhöhten ersten Lage erst einmal etwas höheres zu lernen. Ich verwende bei meinem Schülern da gerne die zweite Lage. So hat man sich schon einmal an das Bewegen des Arms gewöhnt. Und damit geht es echt leichter bei der erhöhten ersten Lage. Das Heben des Handrückens ist ebenfalls ein guter Tipp. Immer wenn man die Hand hebt und damit die Finger 3 und 4, spannt sich die Hand vor und man trifft mit dem 4. Finger umso besser.

      herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  4. Bei diesem Thema habe ich Glück im Unglück: Als Kind habe ich meinen kleinen linken Finger verletzt – wohl ein Sehnenriss… Es würde mir deshalb nie und nimmer gelingen, diesen noch weiter auszstrecken, ohne dass er durchknickt, als ich dies in der normalen engen Lage sowieso tun muss. Insofern blieb mir vom ersten Versuch an nichts anderes übrig, als mit der ganzen Hand nach oben zu rutschen. 😉
    Danke für die exakte Eklärung in diesem Blog!
    Karin

    • Felix Seiffert

      Liebe Karin,

      Da hat dich Deine Verletzung gleich in die richtig Richtung verwiesen. Ich kann es nur immer betonen: Es ist für jeden Spieler wichtig, auf genau diese Art vorzugehen und sich die erhöhte erste Lage als wirklich neue Lage klar zu machen. Nach etwas Übung wird es einem die auf einmal so saubere Intonation danken.

      herzlichst
      Felix

  5. Lieber Felix, das hast Du super erklärt. Ich gehöre nämlich auch so ein bisschen zu den „Daumenfestgeschraubten“ die gerne mal den 4 Finger akrobatisch strecken anstatt die Hand mitzunehmen. Dank Deiner Übungsvorschläge klappt das jetzt richtig gut! Vielen Dank!!!

    • Felix Seiffert

      Hallo Denise,

      und damit bist Du weiß Gott nicht alleine. Im Grunde geht es jedem so in einem bestimmten Stand des Lernens. Du wirst aber an dem Thema bestimmt eine ganze Weile immer wieder dran bleiben müssen. Allerdings wir Dein Spiel damit immer freier.

      herzlichst

      Felix

  6. Als Anfänger habe ich immer noch so meine Probleme mit dem Daumen. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Vielen Dank für deine Tipps:-)

    • Felix Seiffert

      Hallo Lisa,

      und mit dieser Sache bist Du keineswegs alleine. Das geht allen Anfängern so. Also nur Mut; und bleibe immer aufmerksam dabei. Es stellt sich auf jeden Fall der Punkt ein, an dem der Daumen einfach freiwillig mitläuft.

      herzliche Grüße

      Felix

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