So behältst Du beim Üben einen klaren Kopf

Wie geht Üben richtig?

Beim Üben hast Du das ständig. Es ist nicht nur am Anfang so. Du kennst das, glaube ich?

Du übst ein Stück, das einige Hürden in sich trägt. Und Du fällst an manchen Stellen hoffnungslos immer wieder heraus.

Du probierst es nochmal und nochmal. Du denkst Dir „das gibt’s doch nicht“.

Aber es hilft nichts, Du bist mir der Sache an dieser Stelle überfordert.

Was machst Du jetzt? Verzweifelst Du?

Vielleicht legst Du das Instrument weg, und probierst es morgen noch einmal?

Wie funktioniert Üben und Lernen?

 

Und vielleicht ist das tatsächlich der richtige Ansatz. Steckt in ihm doch ein sehr wichtiger Aspekt von dem, wie Üben und Lernen überhaupt funktioniert.

Bestimmt hast Du schon irgendwo die Erfahrung gemacht, dass etwas, was Du an einem Tag mühsam erlernen musstest, am nächsten Tag recht selbstverständlich wieder hervor geholt werden kann.

Vokabeln im Schulunterricht zum Beispiel. Ich kann mich noch sehr deutlich daran erinnern, wie schwer sie zu merken waren. Dann habe ich es nochmal und nochmal durchgemacht. Es ging immer noch schwer.
Aber wenn ich sie am nächsten Morgen wiederholt habe, ging es auf einmal wesentlich leichter.

Dahinter steckt ein Prinzip, nachdem das Gehirn arbeitet.

Lernen braucht Aufmerksamkeit, damit man das Richtige einübt. Dann muss etwas dieses oft Üben, damit sich das Gelernte setzt. Aber am Ende braucht das Gehirn aber auch Ruhepausen um das Gelernte zu verarbeiten.

Das ist ein uraltes und denkbar einfaches Prinzip.

Verschiedene Fertigkeiten beim Üben

 

Aber zurück zu den schweren Stellen in dem Stück, die Dein Üben gerade an seine Grenzen gebracht haben:

Es kommt etwas Weiteres hinzu:

Du möchtest ja auf Deinem Instrument etwas können.

Und das, was Du kannst, setzt sich immer aus den verschiedensten Komponenten zusammen. Du erlernst verschiedene Fertigkeiten, die Du miteinander kombinierst.

Soll ich einmal ein paar davon aufzählen?

  • Du lernst, auf Deinem Griffbrett Töne zu treffen.

Ok, darin stecken auch schon wieder verschiedene Fertigkeiten.

  • Du hast ein Spielgefühl in der Hand und Deine Finger finden Plätze, die Du Dir vorstellen kannst.
  • Du kennst Die Töne, die Du greifst, weil Du die Noten gelernt hast. Du weißt zum Beispiel einfach, dass Du mit dem 1. Finger auf der A-Saite ein h greifst.
  • Du weißt aber auch wie die Töne klingen, die Du greifst. Daher kannst Du Deinen Finger korrigieren, wenn er einmal falsch trifft.

Ok, weitere Fertigkeit, die nicht das Treffen von Tönen angeht:

  • Du kannst die gute Bogenhaltung in Deiner Hand spüren.
  • Du hast ein Gefühl für die Strichrichtung.
  • Du fühlst mit Deinem Bogenarm durch den Bogen hindurch, wie die Saite angestrichen wird. Dies eröffnet Dir die Gestaltungsmöglichkeit des Tones

Noch was?

  • Du hast eine Vorstellung, wie das Stück klingen soll, das Du gerade spielst.
  • Du kannst das Stück innerlich hören.

Ganz schön viele Dinge, die Du da gleichzeitig machst, gell?

Da wird mir schon vom Lesen schwindelig.

Alles auf einmal?

 

Und Du willst das jetzt beim Üben alles auf einmal hinbekommen? Und wenn es dann nicht funktioniert, dann bist Du unbegabt? Zweifelst Du dann an Deinen Fähigkeiten?

Soll ich dir etwas sagen?

Du überforderst Dich tatsächlich. Aber Du überforderst Dich nur, weil Du zu Vieles auf einmal schaffen willst.

Und ich kenne das nur zu gut. Ich bin selbst auch noch als Student so viele Male auf diese Weise beim Üben mit dem Kopf gegen die Wand gerannt.

Ich weiß noch ganz genau, wie anstrengend es war, immer wieder die gleichen Stelle zu üben und sie wird und wird nicht.

Zum Glück stellte sich irgendwann die erlösende Erkenntnis ein:

Du kannst beim Üben immer nur eine Sache beobachten und korrigieren.

Konzentriere Dich auf einen Teilaspekt Deines Tuns und Du wirst mit der Zeit die Sache beherrschen.

Ich weiß, das kommt Dir furchtbar mühsam vor. Mit dieser Methode kommst Du aber doppelt so schnell ans Ziel, wie mit der „Kopf durch die Wand“ Methode von oben. Glaub mir!

Das Bewältigen von den oben genannten verschiedenen Fertigkeiten, die gleichzeitig ablaufen sollen, setzt voraus, dass sich jede einzelne dieser Fertigkeiten in Dein Unterbewusstes gesetzt haben.

Und das schaffst Du durch einprägen, genaues Beobachten und Wiederholung einer dieser Fertigkeiten. Nur wenn Du Dich auf einen Teilaspekt wirklich konzentrierst, kommst du überhaupt dahin ihn genau genug zu beobachten und wirklich zu einer gewissen Reife zu bringen.

Und vielleicht merkst Du dabei auch, dass sie verschiedenen Fertigkeiten jede für sich betrachtet, recht leicht einzuüben sind.

Ist Dir dieser Teilaspekt Deines Tuns geläufig und selbstverständlich geworden, kannst Du darauf Vertrauen, dass er Dich nicht im Stich lässt, wenn Du beim Spielen auf etwas Anderes achtest.

Und wie geht das jetzt genau mit dieser Methode?

Schau doch mal im Video:

Nur ein Beispiel:

 

Stell Dir vor, eine Passage läuft nicht, weil Du mit den Fingern, den Rhythmus und dem Bogen durcheinander kommst, der auch noch ständig die Saiten wechseln muss.

Jetzt zerlegst du die Stelle in seine Teilfertigkeiten.

Zum Beispiel sollten Deine Finger den Griffablauf kennen.

Dafür übst Du das Stück am besten, in dem Du auf den Bogen verzichtest. Jetzt kannst Du Dich voll und ganz auf Deine Fingerfolge konzentrieren. Achte ganz besonders darauf, wie es sich anfühlt, wenn der und der Finger auf seinem Platz steht, oder vielleicht sogar die Saite wechselt. Du könntest Dabei sogar auf den Rhythmus des Stückes verzichten, wenn es Dir hilft. Es ist spannend, zu erfahren, wie sich die Finger auf dem Griffbrett bewegen. Irgendwann wird Dir das keine Mühe mehr machen. Vielleicht nimmst Du jetzt wieder den Rhythmus hinzu und versuchst zupfend die ganze Passage zu üben.

Unabhängig davon hast Du auch mit dem Bogen etwas zu tun. Jetzt verzichtest Du einmal auf das Greifen und konzentrierst Dich voll auf den Bogen. Macht Dir der Rhythmus der Passage zu schaffen? Dann verzichte zusätzlich auf die Tatsache, dass das Stück auf verschiedenen Saiten gestrichen wird. Spiele also das Stück mit dem Bogen auf einer leeren Saite. Eventuell ist das jetzt eine so komplexe Sache, dass Dir das gar nicht so leicht fällt. Aber das macht überhaupt nichts. Wenn Du jetzt das hin bekommst, wirst Du Dich später wundern, wie gut es klappt, wenn Du die Sache wieder zusammen setzt und das komplette Stück spielst.

Aber vorher wollen wir der Sache noch einen weiteren Teilaspekt des Bogenstrichs dazu nehmen: Mach Dir einmal klar, welche der Töne, deines Stückes auf welcher Saite gestrichen werden. Und dann streich das Stück so – auf leeren Saiten. Der Bogen soll jetzt im richtigen Rhythmus die Töne des Stückes auf immer der entsprechenden leeren Saite spielen. Auch das wird Dir nicht leicht fallen.

Aber Du hast dich jetzt beim Üben einzeln auf den Bogen konzentriert und die Bewegungen, die Dein Stück von Deinem Bogenarm einfordert, trainiert.

Der große Augenblick kommt jetzt, wenn Du versuchst, alles zusammenzusetzen. Spiele Dein Stück jetzt einmal durch. Eventuell haben Deine Bemühungen gewirkt wie ein Wunder.

Eventuell musst Du aber auch bis morgen warten und die Prozedur noch einmal durchgehen.

Eines kann ich Dir aber versprechen: Die Methode wirkt!

Fazit:

 

Üben funktioniert durch genaues Beobachten dessen was Du tust. Was Du überblickst, kannst Du auch einüben.

Wenn Du versuchst, zu Vieles auf einmal zusammen einzutrainieren, kann es zu Konflikten kommen und Du kommst nicht ans gewünschte Ziel.

Jetzt zerlegst Du das zu Übende in seine Teilaspekte und trainierst diese einzeln.

Setzt Du danach die Sache wieder zusammen, hast Du sehr effektiv geübt.

So könnte man die Sache in vier Sätzen zusammenfassen.

Mir geht es dabei nur darum, Dir zu zeigen, wie das Grundprinzip funktioniert. Es gibt noch viele Dinge die man als einzelnen Aspekt an einem Stück üben kann. Und hier sind Deiner Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wie kann man etwas so variieren, damit ein bestimmter Übeeffekt erzielt werden kann?

Was hast Du denn für Rezepte? Dürfen wir alle etwas davon erfahren?
Schreib es doch unten in das Kommentarfeld. Ich bin sehr gespannt.
herzliche Grüße

Felix Seiffert

p.S.: Es gibt übrigens auch einen anderen Artikel über das Üben. Weißt Du, was Üben mit Gummibärchen zu tun hat?

7 Kommentare

  1. Lieber Felix,
    Ich spiele ein neues Stück langsam durch. Stellen, über die ich stolpere, übe ich danach nochmal gesondert und werden erSt später wieder eingebaut.
    Beim Üben achte ich in jedem Durchgang auf etwas verstärkt. Der Rhythmus ist dabei das Erste. Mit der Intonation habe ich selten Probleme, kann dazu nichts sagen.
    Dann zerlege ich die Noten in kleinere Werte z.B. in Sechzehntel. So wird z.B. eine punktierten Achtel drei Sechzehntel. Später denke ich zwar noch an den kleineren Noten wert, spiele aber so wie es steht. Genau geht das mit Synkopen. Mir hilft das!
    Manche Rhythmen lassen sich auch prima im Gehen üben.
    Und ganz klar, Metronom! Das musste ich aber auch erst lernen! Dabei geholfen hat mir neben meiner Cello-Lehrerin https://youtu.be/GxyYP58YJaI .
    Liebe Grüße!

    • Felix Seiffert

      Hallo Katta,

      vielen Dank für Deinen anregenden Kommentar. Du befindest Dich mit deinem Spiel in einer gehobeneren Ebene. Da sind tatsächlich andere Mittel angesagt. Was Du ansprichst ist die Technik der rotierenden Aufmerksamkeit. Und das wäre tatsächlich ein Thema für einen ganzen weiteren Blogartikel zum Thema.

      Viel Freude und viel Glück weiterhin mit Deinem Cello

      Felix

  2. Lieber Herr Felix,
    Ihre guten Erklaerungen und ihre Einsichten von Lernen sind wirklich so wertvoll. Sie haben da eine besondere Gabe….das Wesentliche herauszupulen und den Schueler drauf aufmerksam zu machen. Vielen Dank. Das hilft mir immer wieder weiter.

    • Felix Seiffert

      Hallo Frau Ford,

      vielen Dank für die Blumen. Diese Erklärungen entstehen einfach durch die Beobachtung der Schüler im Unterricht und den Versuch, daraus einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Wenn man sieht, wie manchmal die Schüler beim Üben mit dem Kopf durch die Wand wollen, und wenn man selbst irgendwann einmal den Weg gefunden hat, besonnener zu üben, dann ist es ganz leicht, so etwas zu Papier zu bringen.

      ganz herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  3. Emil Zuckerkandl

    Lieber Herr Seiffert,
    Ihre Beiträge helfen mir zusehend, kleine Fortschritte zu erzielen und mit den kleinen Etappen auch zufrieden zu sein. An mir habe ich beobachtet, dass ein zu grosser Ehrgeiz die Lernaufnahme eher behindert, zumal man nicht wußte, wie das Erlernen stattzufinden hat. Mehrere Lehrer haben natürlich auch individuelle Herangehensweisen, dennoch in Ihrem Beitrag auf das wesentliche konzentriert, wie man das zu erlernende Stück in die Einzelteile zerlegt und daraus resultierend die notwendigen Übungen betreibt. Bisher hatte ich das nicht in dieser Ausführlichkeit erhalten und die entsprechenden Enttäuschungen und Selbstzweifel waren das Ergebnis. Ich hatte bisher leider nicht das Vergnügen mit meinen bisherigen Lehrern, diese Thematik zu erörtern, da die Zeit hierbei immer einen Riegel vorschob. Ihre Übe-Übung und auch die Kontrollübung habe ich wie ein Schwamm aufgesogen und habe endlich jemanden gefunden, der diese notwendigen Themen pädagogisch bearbeitet. Zu wünschen wäre auch, dass der zeitliche Rahmen individuell verschieden zu bewerten ist, der für das Erlernen notwendig ist. Meine Erfahrung in diesem Punkt ist leider, dass der Lernstoff durchgezogen wird ohne die Freude des Erlernen hierbei zu berücksichtigen. Gerade was mit Freude und Neugierde erlernt wird, wird auch haftende Ergebnisse generieren. – Ich habe Ihnen großen Dank zu sagen!
    Emil Zuckerkandl

    • Felix Seiffert

      Lieber Emil,

      ja dieses Problem kenne ich leider auch zur genüge. Der normale Unterricht, der sich auf wöchentlich 30 oder 45 Minuten beschränkt, lässt ein freudiges und gründliches Arbeiten eigentlich gar nicht zu. Da geht es Ihnen wie vielen interessierten Schülern. Und für uns Lehrer ist das genauso freudlos.

      Für die Frage nach dem Tempo bin ich Ihnen dankbar. Es ist tatsächlich so, dass da jeder Mensch etwas anders tickt in Bezug auf die Frage, wie oft etwas wiederholt werden sollte, bis es wirklich sitzt. Meiner Erfahrung nach, sowohl bei den Schülern als auch bei mir selbst, brauchen wir aber hauptsächlich alle etwas mehr Geduld mit uns selbst. Eine neue Bewegung, ein neuer Kniff beim Spielen prägt sich durch Wiederholungen ein. Und davon braucht es meist mehr, als man denkt. Wissenschaftler reden von 7 bis 9 am ersten Tag und einigen Folgewiederholungen in den nächsten Tagen, die es braucht, bis eine Fertigkeit wirklich dauerhaft abrufbar ist.

      ganz herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  4. Lieber Felix,

    ich spiele seit 7 Monaten, bin manchmal echt am Verzweifeln und denke, es klappt NIE. Eine Woche Tage später geht es dann plötzlich leichter. Ich schaue mir das Stück vorher an und klatsche den Rhythmus. Oft summe ich auch den Rhytmus beim Laufen, wenn ich mit der Länge der Noten Probleme habe, damit ich mir beim Spielen keine Gedanken machen muss, wie lange ich die Note zu halten habe. Beim Üben versuche ich, jedes Stück mindestens 10 mal hintereinander zu spielen, egal wie schlimm es am Anfang klingt.

    Viele Grüße

    Ann

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