Von der Geige zur Bratsche wechseln – Ist das schwer?

Sind Sie schon einmal in die Lage gekommen, dass in Ihrem Ensemble oder Ihrem Orchester der Bratscher ausgestiegen ist, oder dass sich überhaupt niemand für die Besetzung fand? Stand dann eventuell einmal die Frage offen, ob Sie von der Geige auf die Bratsche wenigstens für kurze Zeit umsteigen würden?

Umsteigen auf Bratsche? Ist das schwierig? Nach der Überwindung der ersten gedanklichen Hürde, werden Sie wahrscheinlich merken, dass das gar nicht so eine großartige Angelegenheit ist, wie zunächst angenommen.

Professionelle Bratscher mögen mir verzeihen, wenn ich das hier so schreibe. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Belange eines hochkarätigen Musizierens eingehen, bei dem sich das Bratschenspiel doch erheblich von der Handhabung einer Geige differiert.
Nein, mir geht es um die allerersten Hürden, die es zu überwinden gilt, wenn man einmal überhaupt mit einer Bratsche zurecht kommen, und eine Bratschenstimme abspielen will.

Zwei Dinge fallen sofort auf, wenn man die Bratsche in die Hand nimmt. Das Instrument ist um einige größer, als die Geige. Zunächst wirkt es einfach etwas unhandlich. Das ganze Instrument ist länger und daher ist der Abstand zwischen Greifhand und Kinn deutlich größer. Man muss den linken Arm mehr ausstrecken. Zum anderen liegen die zu greifenden Töne, deutlich weiter auseinander, da ja die gesamte Saitenlänge ebenfalls deutlich größer ist.

Trotz alledem bleibt die Greifweise vom Prinzip her gegenüber der Geige gleich. Es gibt die gleichen Griffarten. Die Lagen sind auch gleich zu handhaben. Und daraus ergibt sich gleich die erste Möglichkeit, auf leichte Weise mit dem Instrument zurecht zu kommen.

Aber sehen Sie sich dazu einmal das Video an:

Kurz gesagt: Spielen Sie „Geige“ auf der Bratsche! Nehmen Sie sich ein Geigenstück; eine Etüde oder ein Vortragsstück (es sollte für Sie gut spielbar sein) und spielen Sie es auf der Bratsche. Nehmen Sie dabei bewusst in Kauf, dass das, was Sie nun zu Gehör bekommen, tiefer klingt, als wenn Sie es auf der Geige spielen.
Wie viel tiefer es genau klingt? – Dazu unten mehr.
Finden Sie sich erst einmal grundsätzlich auf dem Instrument zurecht. Sie können sich auf diese kleine Umstellung übrigens einlassen, egal auf welchem Stand Sie mittlerweile auf der Geige angekommen sind.

Die zweite Sache, mit der Sie klar kommen müssen, ist das Lesen der Noten im Altschlüssel. An dieser Stelle möchte ich Sie gerne auf frühere Blogbeiträge verweisen, in denen die Notation des Altschlüssels genau beschrieben ist: hier erfahren Sie das theoretische Grundwissen, dass Ihnen den Altschlüssel grundsätzlich einmal erschießt.

Noten lesen lernen, aber leicht!

Und in diesem Artikel ist beschrieben, wie die Notation im Altschlüssel speziell auf der Bratsche in der ersten Lage aussieht.

Die Bratsche, wie orientiert man sich hier auf dem Griffbrett? Folge 1 erste und zweite Griffart

Kommen wir nun zum zweiten der Lösungsansätze, die immer den Grundgedanken haben, dass es besser ist, die auftauchenden Probleme nacheinander zu lösen, anstatt auf einmal mit einer neuen Situation konfrontiert zu werden und dabei den Überblick zu verlieren.

Und dieser zweite Lösungsansatz heißt: Spielen Sie „Bratsche“ auf der Geige!

Sie haben ja im Video oder in den verlinkten älteren Blogbeiträgen gelesen, dass Geige und Bratsche drei gleiche Saiten haben. Die A-, D-, und G- Saite klingen bei beiden Instrumenten völlig gleich und sind auch gleich zu spielen. Sie werden lediglich unterschiedlich notiert, je nach Instrument.

Daher können Sie gerne schon einmal anfangen, sich mit dem Altschlüssel vertraut zu machen, wenn Sie sich Noten nehmen, die für Bratsche notiert sind, und sie einfach auf der Geige abspielen.

Sie werden merken, dass dies gar nicht so leicht ist. Als Geiger hat man die Notation der Bratsche zunächst nicht im Auge.

Nehmen Sie sich ein einfaches Stück. Lesen Sie einen Abschnitt zunächst mit Notennamen. Lesen Sie die Noten mehrmals hintereinander und laut. Sie werden sich umso schneller einprägen. Danach lesen Sie die Noten in form von Fingersätzen. Sprechen Sie laut die Fingersätze aus. Tun Sie dies auch mehrmals. Sie werden sehen, das bewirkt Wunder. Nach und nach werden Sie die Töne lesen können, ohne sich dabei zu überlegen, wie der jeweilige Ton nun heißt.

Und mit dieser Grundlage spielen Sie das Stück nun auf der Geige im Alt- (oder Bratschen-) schlüssel. Sie umgehen auf diese Weise das Problem der Handhabung der Bratsche und machen sich schon einmal gründlich mit dem Altschlüssel vertraut.

Funktioniert es? Eine Einschränkung muss man allerdings machen. Wenn man in Notenbereiche kommt, die man auf der Bratsche nur auf der tiefsten Saite spielen kann, dann muss man auf der Geige passen. Eine Geige besitzt nunmal keine C-Saite. Vertrauen Sie einmal darauf, dass das dann auf der Bratsche schon funktionieren wird.

diese Vorgehensweise habe ich Ihnen im Video anhand einer Etüde von Franz Wohlfahrt demonstriert. Sie können sie gerne hier herunterladen und ausdrucken.

Wohlfahrt op 38 40 in Geigen und Bratschen Version

Die Etüde wurde zunächst in der Originallage für Geige aufgeschrieben. Spielen Sie sie, wie oben angegeben zunächst auf der Geige und dann auf der Bratsche.

Um hernach die Noten im Altschlüssel zu lernen spielen Sie danach die untere Version auf der Geige ab, um sie am Ende auch wieder auf die Bratsche zu übersetzen.

Und damit wünsche ich Ihnen viel Vergnügen mit der so wunderbar sonor klingenden Bratsche.

Felix Seiffert

p.S.: Am Ende sei aber noch eine Anmerkung gemacht. Wenn Sie diese Vorgehensweise vertiefen wollen, dann empfehlen sich die Etüden von Robert Pracht. Es gibt sie in der originalen Geigenversion und genauso auf die Bratsche wieder eine Quinte tiefer übersetzt.

Die Hefte heißen:

Robert Pracht
Neue Violin Etüden

bzw.
Neue Bratsche Etüden

und sind im Musikverlag Wilhelm Halter Karlsruhe erschienen.

p.p.S.: Hier noch das Übersichtsblatt der Töne auf der Bratsche in der ersten Lage, wie es im Video gezeigt wurde zum herunterladen.

Die Töne auf der Bratsche in der ersten Lage

3 Kommentare

  1. Hallo Herr Seiffert,

    mir geht es ähnlich wie von Ihnen beschrieben, nach Jahrzehnten Geige spielen fehlte in meinem Orchester nun eine Bratsche. Ich bot mich zur Umschulung an und freue mich riesig über die tolle Hilfe von Ihnen, das Bratschenspiel schnell aufnehmen zu können. Vielen Dank für Ihren tollen Blog und die Lehrreichen Hinweise und Videos!

    Ronja S.

  2. Holtappels Jochen

    Hallo Herr Seifert.
    Ihre Videos und Newsletter finde ich sehr gut und interessant gestaltet.
    Werde mich aber trotzdem abmelden.Ihre Bemühungen sind bei mir,
    trotz eigenener intensiver Übungen,leider ohne Erfolg.Zumindest was
    das Violine spielen betrifft,meine alten Finger und Gelenke spielen
    leider nicht mehr mit.Nach jedem Üben habe ich Mühe die Knoten aus
    den Fingern rauszubekommen.Da ich hier wirklich keine echten
    Erfolgsaussichten sehe habe ich mich entschlossen das Erlernen des
    Violine-Spielens aufzugeben.Werde mich mit dem Klavier begnügen.
    Trotzdem danke ich Ihnen für Ihre Intressanten Beiträge.
    Mit freundlichem Gruß,
    Jochen Holtappels

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